Das Verfassen und das Arbeiten mit Biografien und damit auch die Faszination, die Geschichten hinter der Geschichte zu erzählen, habe ich erst in den letzten Jahren für mich entdeckt.

Neben meinem Hobby der Ahnenforschung und meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Biografie-Team der Stolperstein-Initiative hier in Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, habe ich mich dem Thema Biografien und Lebensgeschichten auf wissenschaftlicher Ebene zum ersten Mal während meines Projektes über den DDR-Amateurfilmer Dr. Karl-Heinz Straßburg (1925-2014) im Filmmuseum Potsdam widmen können. Die Situation damals war eine klassische Zeitzeugen Situation, denn ich hatte 2011 die Gelegenheit mit Dr. Karl-Heinz Straßburg und seiner Frau persönlich zu sprechen und so konnte er mir, trotz seines damals schon hohen Alters, persönlich viel über seine Arbeit und sein Leben als Amateurfilmer in der DDR erzählen.
Als Straßburg dann ein paar Jahre später verstarb, bedankten sich seine Witwe und seine beiden Töchter mehrmals dafür, dass ich die Forschungsarbeit über ihren Mann und Vater geschrieben habe, denn so hatten sie eine schöne Erinnerung mehr an ihn.
Neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Amateurfilmschaffen in der DDR, die diese Forschungsarbeit geliefert hat, war dieses Dankeschön natürlich eine sehr schöne Erfahrung und hat mich darin bekräftigt, dass persönliche Lebensgeschichten zu erzählen, eine sehr wichtige und schöne Aufgabe ist und sein kann. Auch damit diese nicht in Vergessenheit geraten.

Die Situation meiner Doktorarbeit über den privaten freien Filmhersteller Horst Klein (1920-1994) aus der DDR war wiederum eine andere. Zwar ging es dort auch um die Aufarbeitung eines filmischen Schaffens und damit dem Verfassen einer Biografie des Arbeitens und Wirkens, jedoch war Klein zum Zeitpunkt der Doktorarbeit nicht mehr am Leben, sodass ich ihn nicht mehr persönlich befragen konnte. Im Zuge der Vorbereitungen stand deswegen die Überlegung im Raum, Kleins Witwe aus zweiter Ehe und / oder seinen Sohn aus eben dieser Ehe zu kontaktieren, um zumindest eine Person aus dem näheren Umfeld als Zeitzeuge zu haben. Da es mir jedoch wichtig war, eine wissenschaftliche Distanz zu behalten und die Fakten sprechen zu lassen, habe ich mich schließlich dagegen entschlossen.
Als die Arbeit dann schließlich publiziert war, habe ich versucht noch einmal mit Kleins Witwe Kontakt aufzunehmen, doch leider habe ich nie eine Antwort bekommen. Erfreulich war aber, dass Kleins Enkelin aus erster Ehe mich kontaktiert und erzählt hat, dass das Buch für sie wichtig ist, um ihrem Großvater näher zu kommen, da sie ihn nie persönlich kennengelernt hat.

Trotz ihrer unterschiedlichen Ausgangssituationen, haben die beiden Fälle eine Gemeinsamkeit. So ist es zwar faszinierend auf biografische und autobiographische Quellen und Informationen zurückgreifen zu können, jedoch wäre es falsch diese Informationen immer für bare Münze zu nehmen. Das bedeutet nicht automatisch, dass die entsprechende Person lügt oder eine Falschaussage macht, jedoch gehört es zur normalen wissenschaftlichen Praxis die vorliegenden Informationen mit anderen Quellen gegenzulesen und zu überprüfen, ob das was in den Aufzeichnungen steht, auch der Wahrheit entsteht. So kann es z.B. sein, dass Informationen in biografischen und vor allem in autobiographischen Quellen zwar wahr sind, aber in beschönigter Form dargestellt werden, um sich selbst besser darzustellen oder die Informationen sind ungenau, weil die Erinnerung einen Streich spielt. Um nur zwei Beispiele zu nennen.
Während ich im Fall von Klein den Großteil der Informationen durch andere Quellen verifizieren konnte, gab jedoch auch Fälle, in denen es keine weiteren Informationen in anderen Archiven gab und somit die persönlichen Aufzeichnungen die einzigen Quellen waren, die Auskunft über bestimmte Ereignisse geben konnten.

Die Arbeitstagebücher von Horst Klein
Trotz der Tatsache, dass Horst Klein nicht mehr als Zeitzeuge zur Verfügung stand, hatte ich im Rahmen der Doktorarbeit die einmalige Chance mit seinem Nachlass zu arbeiten, der im Filmmuseum Potsdam überliefert ist. Ein zentraler Bestandteil dieses umfassenden Nachlasses sind seine Arbeitstagebücher, in denen Klein auf 1827 DIN-4A Seiten in fast täglichen Tagebucheinträgen seine circa 53-jährige Karriere als Filmschaffender in Text und Bild beschreibt und festgehalten hat.
Hauptaugenmerk der Einträge liegt dabei immer auf seinem filmischen Schaffen, da jedoch sein berufliches Leben sehr eng mit seinem Privatleben verbunden war, fließen in den Tagenbüchern auch immer wieder persönliche Themen ein, die einen weiteren Aspekt von Kleins Leben und Wirken offenbaren. Aufgrund dieser engen Verbindung zwischen Arbeit und Leben bei Klein, war es daher auch immer wichtig zu sehen, ob und welche Ereignisse in seinem Privatleben wiederum Einfluss auf seine Arbeit hatten (und auch welche Arbeitsereignisse im Umkehrschluss auf sein Privatleben) und welche privaten Erlebnisse wiederum zwar interessant waren, weil sie eine neue Facette Kleins offenbarten, jedoch für die Arbeit voranbrachten.

Dabei ist es unbestritten, dass diese Arbeitstagebücher aus filmhistorischer und wissenschaftlicher Sicht eine echter Schatz sind und das besonders, weil es gerade zu den privaten freien Filmherstellern in der DDR bisher keine Quelle gab, die einen so umfassenden, persönlichen und vor allem detaillierten Einblick in den Arbeitsalltag und die Produktionsverhältnisse eines solchen Filmschaffenden gibt. Gerade aber diese Situation, stellte während der Arbeit auch immer wieder eine Herausforderung dar.
Um eine klare Vorstellung zu haben, was in diesen Aufzeichnungen zu finden ist, war es in einem ersten Schritt daher notwendig, die Tagebücher von Beginn, also dem Jahr 1936, bis Ende, im Jahr 1994, durchzuarbeiten. Nur so war es möglich, das Narrativ und die Informationen sowie die Ereignisse und Handlungen, die sich oft über Jahre erstreckten, überhaupt zu verstehen und aufarbeiten zu können.

Neben diesem ersten Schritt, war es auch notwendig die Informationen zu selektieren und zu verschlagworten. Persönlich fand ich hier MAXQDA, eine Software der Firma VERBI zur computergestützten qualitativen Daten- und Textanalyse, sehr hilfreich. So bieten diese 1827 DIN-4A Seiten war ein Fülle an interessanten Informationen, die Stoff für mehrere Ansätze liefern, jedoch waren nicht alle für die Arbeit von Relevanz. Insofern war es wichtig im Zuge dieser Aufarbeitung der Tagebücher auch die Fragestellung der Arbeit als Leitfaden zu nehmen und damit die Informationen auszuwählen, die für die Beantwortung der Fragestellung hilfreich waren.

Eine so intensive Auseinandersetzung mit dem Leben einer Person, sowohl durch das Lesen der Tagebücher als auch durch die Dauer eines solchen Projektes, führt zuletzt in der Regel unweigerlich auch dazu, dass sich eine gewissen, wenn auch unbewusste, Bindung zu dieser Person aufbaut. Daher stellte sich im Lauf der Arbeit an machen Stellen immer die Frage, warum Klein manche Dinge so getan hat wie er sie getan hat und sich nicht anders entschied. So kam es auch vor, dass mir im ersten Moment manche Aktionen Kleins in meinen Augen als, teils auch moralisch, falsch erschienen.
Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass so eine Frage, Sichtweise und Meinung immer aus einer heutigen, retrospektiven Sicht getroffen wird und nicht unter den gleichen Umständen wie die Person um die es geht. Insofern ist es notwendig Handlungen und Aktionen der entsprechenden Person immer im Kontext der jeweiligen Zeit zu sehen, denn die Umstände in denen man als Betrachter:in eine Meinung fällt, sind immer andere, als die, in denen die betrachtete Person agiert hat.
Abgesehen davon, ist es zwar möglich und erlaubt mit der betrachteten Person persönlich nicht der gleichen Meinung zu sein, jedoch ist es wichtig aus wissenschaftlicher Sicht neutral zu bleiben und die Fakten sprechen zu lassen. Besonders wichtig ist das in Hinblick auf Epochen wie die NS-Zeit oder eben die DDR, die aus heutiger moralischer Sicht negativ behaftet sind, jedoch noch in der unmittelbaren Vergangenheit liegen und darüber hinaus auch für viele Menschen noch ein Bestandteil ihres Lebens ist. Während die NS-Zeit mit ihren tragischen und unvorstellbar schlimmen Ereignissen, die keineswegs vergessen oder wiedergutzumachen sind, schon über 75 Jahre in der Vergangenheit liegt, ist gerade das Ende der DDR nur 31 Jahre her und so gibt es noch viele Menschen, die sich mit diesem Land verbunden fühlen, weil sie dort geboren und aufgewachsen sind und somit noch eine persönliche Verbindung haben. Denn trotz der Tatsache, dass die DDR und ihre Regime zweifelsohne mit kritischen Auge zu sehen sind, haben dort Menschen gelebt und sich dort wohlgefühlt, ob aus heutiger Sicht verständlich oder nicht. Es ist daher immer wieder die Fakten sprechen zu lassen, auch wenn diese nicht immer der eigenen Meinung entsprechen.

In den ungefähr vier Jahren, in denen ich mich mit Horst Klein auseinandergesetzt habe, habe ich nicht nur viel über das Thema der Freischaffenden und deren Lebens- und Arbeitswelt in der DDR gelernt, sondern auch viel über ihn als Person. Ungeachtet der Tatsache, dass im Fall von Klein wegen des umfassenden Nachlasses und wegen der Art und Weise wie er sein privates und berufliches Leben verbunden hat, die Situation sehr speziell und einmalig war, hat sich gezeigt, dass Arbeit und Leben nie vollständig getrennt sind.
Gerade weil es daher zwei Sphären sind, die sich gegenseitig beeinflussen, haben Ereignisse aus dem Privatleben oft einen Einfluss auf die Arbeit und andersherum. Doch in vielen Fällen wird dieser Aspekt vernachlässigt und die Vorteile fallen erst auf, wenn beide Welten bewusst in Betracht und in Relation gesetzt werden. Insofern glaube ich, dass das Schreiben einer Biografie bzw. einer Arbeit über eine Person davon profitiert, reichhaltiger und vor allem facettenreicher wird, wenn sowohl Leben als auch Arbeit einfließen.